Texte

Jenseits der Worte

Text zum Leipziger Literaturherbst unter dem Motto „Martin Luther – Superstar, 2017
Thema der Veranstaltung „Am Anfang war das Wort“


Wo rauch, da ist auch feuer, 2016

wo rauch ist, ist auch feuer

spazieren im nebel in comfortabler luft
sand unter den füssen zu keinem bau
ermutigt – viel versteckt sich da im nichts
warten ist angesagt und schwer – der durch
blick wechselt – die geometrie ist beliebig
aufzufassen: erlkönig lockt und andere

verführungen                                 und

nur das begehren schafft richtungen – stolpert
der gesichtslosen gefahr entlang durch
einsamkeiten – ruft nach gefolge – und tänzelnd
löst das selbst sich auf – verschmilzt mit
übermächtigen gestalten – genügt schon
teilweise um der gewalt futter zu geben

du bist berauscht – das netz tropft süß in dein
gehirn in dessen rauschen aus schlieren – uralte
strukturen aufgerufen sich anschicken zu
neuen gewohnheiten geronnen – in zung und
fingerspitzen zu fliessen – jedem nach seiner
art – eine welle die unterwirft – endlich – aufbruch

leidenschaft                                    und

ahnungslos spürt keiner schuld – die olle
winterliche schrulle verbannt – hemmt nicht
mehr die kurzwellig dauerhaft gepulsten
belohnungseinheiten konstruiert nach einem
code der zurück verfolgbar sich ergibt aus
der die mittel verachtenden planmäßigkeit

der ausstoss – der rauch – steigert das ununter
scheidbare ins grenzenlose – du besinnst dich auf
den schrei – den absichtslosen – den wilden
unentzifferbar dir selbst und ohne zentrum –
taumelnd zu ungehörten liedern – der versuch
des blinden einsatzes – ungetröstet –einer

mission                                            und

allein die körperliche erschöpfung gibt maß
und ende der weltumspannenden zitternden
unruhe die muster webt von unüberschaubarer
größe – die signatur des expolsiven gemenges
nennt sich bombe die nur wenige wollen und
viele ermöglichen – und nur kniefall entschärft

 


Hermannstadt

Hermannstadt und Umgebung, 2015
Texte und Fotographien H. Böhnke, D.Dusil, J.Jeronim,
L. Unrein, Ch. Ungar, Hoterus Verlag,
ISBN 978-606-8573-39-7

Auszug:

Versuche einer Annäherung

Annemarie und Dagmar

Es gab schon einen Kontakt ganz früh, in den Fünfzigern des vergangenen 20. Jahrhunderts: Sie wurde herein geführt in die Baracke, Teil des Stuttgarter Nachkriegsgymnasiums, wurde vor die Tafel gestellt in unserem Klassenzimmer: Annemarie, ein zwölfjähriges Mädchen, sehr groß, mit blasser Haut und langen, langen aschblonden Zöpfen. Der Blick blieb hängen an ihrem unsäglichen, hellblauen, selbstgestrickten Pullover mit mehrfarbigen, blassen, kleinen Blümchen um die sternale Knopfleiste, gestickt,- nach unseren Erfahrungen -, sicher von der Oma, und an einem Faltenrock, der von einem martialischen Trägerkreuz über der gerade sich andeutenden Brust gehalten wurde und … an Schnürstiefeln. Da sprang der Funke. Nur die Heidrun und ich waren ebenso ausgestattet. Warum: wir wuchsen in christlichen, speziell lutherischen, Elternhäusern mit pietistischer Prägung auf. Bei Heidrun stimmte der Vater täglich vor dem gemeinsamen Abendessen und nach dem Austeilen des Württembergischen Kirchengesangbuches einen die Andacht einleitenden Choral, – „Ein feste Burg ist unser Gott“ -, auf der eine ganze Wand füllenden Hausorgel an. Bei meiner Oma, Mutter des Vaters, stand das Harmonium in der guten Stube, das regelmäßig zum Einsatz kam, wenn sich wöchentlich bei ihr die Stundenleute trafen.

„Das ist Annemarie, sie kommt von weit her, aus Siebenbürgen“. Sprachlosigkeit, Verlegenheit, zu fremd um als Sitznachbar denkbar zu sein. Auch waren wir noch nicht so gut sozial dressiert wie heute, schwäbische Verdruckstheit wurde noch toleriert und gepflegt. Keiner sprang also auf und machte ein Angebot, Annemarie wurde allein in die letzte Reihe gesetzt. Aber schon in der Pause sprang der Funke vollends über. Hinter Annemaries harmlosem Kunststoff-Brillengestell blitzten die Augen, über den defekten rechten Schneidezahn floss huldvoll aus großer Höhe ein Lächeln auf meine Betroffenheit (ich war die Kleinste der Klasse). Das hat sich mir eingebrannt: Ein gegenseitiges Erkennen von Zwei aus der Zeit Gefallenen, erzwungenermaßen Unkonventionelle. Eine zarte Solidarisierungswelle ließ uns erröten. Zur Abgabe des Poesiealbumeintrags, – „Das Wort ist frei, die Tat ist stumm, der Gehorsam blind, Friedrich Schiller“ -, habe ich Annemarie dann nach Hause eingeladen, zu Kakao und Hefezopf, nach wie vor eigentümlich befangen.

Dann war Annemarie auch schon wieder weg. Noch bevor wir uns gegenseitig an die unterschiedliche Sprachmelodie gewöhnen konnten. Von Enteignung, Vertreibung, Ausreise, Flucht hatten wir keine Ahnung. Höchstens sahen wir uns nach christlichem Mythos alle als Vertriebene, nämlich aus dem Paradies, von allem Anfang an. Denn bis auf eine kurzfristige Evakuierung der Frauen und Kinder in den Bombennächten auf Stuttgart bei Verwandten auf dem Land bei Ulm und dem Transport der Männer im richtigen Alter an die verschiedenen Fronten „in den Krieg“, war die ganze Sippe geschlossen seit Generationen im Ländle geblieben. Besonders Sesshafte? Stimmt so ja gar nicht. Zumindest mütterlicherseits lässt sich eine eindeutige Verbindung zu den Kärntner Protestanten nachweisen. Dreihundert sogenannte Exulanten aus Arriach im Habsburgischen Erbland Kärnten mussten 1651 sich „zur Heiligen Religion durch wirkliche Priester und Kommunion bequemen oder innerhalb solcher Zeit (4 Wochen) das Land quittieren und räumbden“. Sie nahmen das Angebot an sich als Lehenspflichtige niederzulassen in einem Dorf im Umkreis der Reichsstadt Ulm. Tüchtige Leute vielleicht, vielleicht auch einige Glaubensfundamentalisten darunter, Separatisten? Sich weitgehend unauffällig anpassend auf alle Fälle, wenn auch im 19. Jahrhundert drei Männer mit den kärntner Namen sich als Kommunisten und Gewerkschaftler hervor taten. Und es vergingen etwas um dreihundert Jahre bis ich in meinen ersten Tagen, – so die Legende -, im Säuglingsbrabbeln innehielt, als die Gläser in der Vitrine in Wain klirrten beim Bombenangriff auf Ulm.

Viele Jahre später stieß Dagmar, die erwachsene Doppelgängerin, zu unserer fränkischen Künstlerinnenvereinigung, Sparte Literatur. Ursprünglich aus „Siebenbürgen“, säkularisiert und kampfbereit in die Falle der Schriftstellerei geraten wie wir alle, warf sie die Idee einer Lesereise nach Hermannstadt ins Projektkarussell. Da zündete etwas im „geprimten“ Hirnkasten und so wurde ich zur engagierteste Befürworterin dieses Vorhabens. Rationalisiert werden musste diese tiefliegende emotionale Motivierung natürlich noch durch anderes: Wurde nicht die Kenntnis Osteuropas gerade dringlicher denn je (das Für und Wider des Beitritts der Balkanstaaten zur Europäischen Union, die zunehmend aggressiveren und schwer nachvollziehbaren Auseinandersetzungen in der Ukraine)? War ich Sesshafte in unserer Mobilität fordernden Zeit bisher östlicher doch nicht über Wien (und das nur kurz) hinaus gekommen. Also, welch eine Gelegenheit der osteuropäischen Geschichte ansatzweise in Anschauung nachspüren zu können.

 


absage an das grosse ganze, 2015

6-teiliger Sonetten-Zyklus
Auszug:

 


 

sofameditationen 2.0, 1984-2014

Sofameditationen 2.0, lyrische texte und zeichnungen, 2014
ISBN 978-3-00-046862-9
Auszug:

 


 

sofameditationen 1975-1983

Sofameditationen, gedichte und zeichnungen, 2014
ISBN 978-3-00-046861-2
Auszug: